„Der erste Bahrfußgänger zur Stadt-Sparkasse“. Eine ungewöhnliche PR-Aktion aus dem Jahr 1917

von Christoph Kaleschke am in Aktuell, Gut für Bielefeld, Über uns

Wir schreiben das Jahr 1917. Der Erste Weltkrieg tobt bereits im dritten Kriegsjahr. Millionen deutscher Männer sind an der Front, die auf Kriegsproduktion umgestellte deutsche Wirtschaft ist vom Welthandel weitgehend abgeschnitten. Arbeitskräfte, Lebensmittel, Material – alles ist knapp. Der Mangel beherrscht das Leben in Deutschland. Der Krieg wird auf Pump finanziert. Die Folge ist eine zunächst schleichende, dann ausufernde Inflation.

Wie viele Kommunen plant die Stadt Bielefeld seit dem Frühjahr 1917 die Ausgabe eigener Notgeldmünzen, denn durch die Geldentwertung kommt es immer häufiger zu Zahlungsmittelengpässen. Beauftragt mit der Entwicklung eigener „Ersatzwertzeichen“ – so die etwas verschämte zeitgenössische Bezeichnung – ist der Leiter der Stadt-Sparkasse Bielefeld, Direktor Paul Hanke. Hanke ging diese Aufgabe mit der für ihn typischen Kreativität und Lust an spektakulären PR-Aktionen an. Geschickt verknüpfte Hanke die Ausgabe der ersten Notgeldmünzen im Juli 1917 mit Werbung in eigener Sache:

Als im Sommer 1917 in Bielefeld das Leder für die Schuhproduktion knapp wurde, brach ein „Amtmann Schwarze“ nach Berlin auf, um bei der „Lederbezugsstelle“ um Lederzuteilungen zu bitten. Angeblich ging er barfuß, um auf die Bielefelder Not aufmerksam zu machen. Direktor Hanke nutzte diesen Vorfall, um die Kunden der Sparkasse durch Aufrufe und Werbeaufkleber aufzufordern: „Schont Kleider! Spart Schuhe! Geht barfuß!“

Offenbar lobte er auch eine Prämie für Sparer aus, die barfuß zur Stadt-Sparkasse kamen, um ihre Geldgeschäfte zu erledigen.

Wahrscheinlich ist es jener „Amtmann Schwarze“, der auf einem Werbefoto der Sparkasse als „Erster Bahrfußgänger“ auf der Rathaustreppe zu sehen ist. Hanke verwendete als Erster in der Bielefelder Bankenbranche das Medium „Fotografie“ umfänglich zu Werbezwecken. So ist das Foto vom ersten „Bahrfußgänger“ nur eines von mehreren, die der findige Direktor einsetzte, um seine Barfuß-PR-Aktion zu unterstützen.

Ein weiteres Foto zeigt barfüßige Sparer in der Stadt-Sparkasse:

Als dann im Juli 1917 die ersten 10-Pfennig-Notgeldmünzen auf den Markt kamen, die die „selbstlose“ Opferung der goldenen Amtskette des Oberbürgermeisters für Kriegszwecke zeigten, griff Hanke die Barfuß-Aktion auf: Die ersten Münzen wurden öffentlichkeitswirksam der Schuhmacher-Innung übergeben. Wie viele Sparer sich aufgrund dieser ungewöhnlichen PR-Aktion tatsächlich barfuß auf den Weg zur Stadt-Sparkasse machten, ist allerdings nicht überliefert…

Von April bis September 2013 zeigt übrigens das Historische Museum Bielefeld die Ausstellung „Wechselgeld“ zum Thema „Währungswechsel seit 1871“. Die Ausstellung wird von der Sparkasse unterstützt. Auch zahlreiche Exponate aus dem Historischen Archiv der Sparkasse werden zu sehen sein.

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